Insekten in Gefahr

Hummeln: Glyphosat beeinträchtigt Wärmeregulation für die Brut

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Für das Wachstum der Kolonien müssen Hummeln ihre Brut warm halten. Eine Studie zeigt allerdings, dass Glyphosat die Thermoregulation beeinträchtigt.

Konstanz (Baden-Württemberg) – Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten, Schwächung des Immunsystems oder Störung des Orientierungsverhaltens: Wie Glyphosat auf Honigbienen wirkt, haben bereits einige Studien in den vergangenen Jahren untersucht. Dass das Herbizid sogar die Fortpflanzung ganzer Hummelkolonien gefährden kann, zeigt nun ein Forscherteam der Universität Konstanz. Denn das Mittel beeinträchtigt die Wärmeregulation für die Brut. Das gilt vor allem dann, wenn die Ressourcen knapp sind.

Hummeln: Glyphosat beeinträchtigt Wärmeregulation für die Brut

Für ihre Studie an der Universität Konstanz untersuchen Biologin Dr. Anja Weidenmüller und ihr Team insgesamt 15 Hummelkolonien der Dunklen Erdhummel (Bombus terrestris), die zu den größten und häufigsten Arten in Deutschland zählen. Die Forscher fragen sich: Welche Auswirkungen hat Glyphosat auf die individuelle und kollektive Thermoregulation der Insekten?

Durch eine aktive Thermogenese halten Hummelvölker ihre Brut bei etwa 32 Grad konstant warm – eine wichtige Voraussetzung für das Wachstum der Brut und die Fortpflanzung der Kolonien. „So wie wir Menschen unsere Körpertemperatur konstant halten, so zeigen die Tiere einer Kolonie kollektiv Homöostase in der Temperaturregulation ihrer Brut“, erklärt Weidenmüller. Dafür benötigen sie allerdings ausreichend Nektar. Eine wichtige Nahrungsquelle für die Bienen sind beispielsweise Weidenkätzchen, die unter Naturschutz stehen.

In ihrer Studie untersucht Dr. Anja Weidenmüller 15 Kolonien der Dunklen Erdhummel. (Symbolbild)

Hummeln: „Sie sind weniger lang in der Lage, ihre Brut warm zu halten“

Um die Effekte von Glyphosat abzuschätzen, teilen die Wissenschaftler die Kolonien in zwei Hälften und füttern die Hummeln mit unterschiedlicher Nahrung: Eine Zucker-Wasser-Lösung ohne Glyphosat und eine Zucker-Wasser-Lösung mit Glyphosat. Die Ergebnisse zeigen: „Wenn die Ressourcen knapp werden, sieht man sehr deutlich, dass Kolonien, die chronisch Glyphosat ausgesetzt waren, eine Beeinträchtigung im kollektiven Wärmeverhalten zeigen. Sie sind weniger lang in der Lage, ihre Brut warm zu halten“, erläutert die Biologin. Stimmt die notwendige Temperatur nicht, ist die Entwicklung der Brut entweder verzögert oder gar nicht erst möglich. Das wirkt sich wiederum negativ auf das Wachstum des ganzen Hummelvolkes aus.

„Nur wenn sie während der relativ kurzen Wachstumsperiode eine gewisse Koloniegröße erreichen, sind sie in der Lage, Geschlechtstiere, also Königinnen und Drohnen, zu produzieren“, betont Weidenmüller. Ein begrenztes Nahrungsangebot verschärft das Problem noch mehr. Bereits heute finden Hummeln und Bienen in ihrem Lebensraum immer weniger Wildblüten. „Das Zusammentreffen von Ressourcenknappheit in ausgeräumten Agrarlandschaften und Pestiziden kann daher ein massives Problem für die Fortpflanzung der Kolonie darstellen“, sagt Weidenmüller.

Hummeln: Zulassungsverfahren von Pestiziden überdenken

Mit den Ergebnissen ihrer Studie will Dr. Anja Weidenmüller nicht nur über die Auswirkungen von Glyphosat auf Hummeln aufklären. Vielmehr fordert die Biologin, die Zulassungsverfahren der Mittel zu überdenken, da sich ihr Forschungsansatz grundsätzlich auf alle Pestizide übertragen lasse. Weidenmüller ist sich sicher: „Es lohnt sich, genauer hinzugucken.“ Denn bisher werde lediglich darauf geachtet, wie viele Tiere nach Fütterung oder Kontakt mit einer Substanz nach 24 oder 48 Stunden gestorben sind. Zum Schutz von Insekten vor Wirkstoffen wie Glyphosat sei das aber nicht ausreichend. „Subletale Effekte, also Effekte auf Organismen, die nicht tödlich sind, sich aber zum Beispiel in der Physiologie oder im Verhalten zeigen, können erhebliche Beeinträchtigungen abbilden und sollten bei Zulassungen von Pestiziden zukünftig mit in Betracht gezogen werden.“

Rubriklistenbild: © Stefan Rotter/Imago