1. Landtiere.de
  2. Hunde

Grenzwertig: Wann die Liebe zu Hunden gefährlich wird

Erstellt:

Von: Max Müller

Ein Paar küsst ihren Hund.
„Ein emotionaler Bezug ist durchaus nachvollziehbar und wünschenswert“, sagt Psychologin Susanne Schmal. © Patricia Becaroto/imago

Alle lieben Hunde. Hunde lieben jeden. Das kann doch nicht die ganze Wahrheit sein. Gibt es auch negative Aspekte? Wir haben Experten gefragt.

Hunde sind das Beste, was Menschen passieren konnte. So loyal, so zutraulich, so euphorisierend. Doch es muss doch auch Aspekte geben, die problematisch daran sind, das Leben mit einem Hund zu teilen, wie Merkur.de berichtet. Was sagen Experten zu dieser These?

Dass Hunde eine immer wichtigere Rolle in den Leben vieler Menschen spielen, zeigt eine Zahl. 10,3 Millionen Hunde lebten laut dem Industrieverband Heimtierbedarf 2021 in deutschen Haushalten. Wer mit einem Hund kuschelt, schüttet Glückshormone aus, haben Forscher unlängst herausgefunden. So weit, so bekannt. Aber was ist mit negativen Effekten?

Hunde werden vermenschlicht – ein Alarmzeichen

Susanne Schmal ist leicht befangen. Sie arbeitet als Psychologin in Hamburg – und hat selbst einen Havapoo, eine Mischung aus Havaneser und Pudel. Ihren Hund setzt Schmal auch in der Therapie ein. Gerade für ältere Menschen und Kinder sei es ein Segen, wenn ein Hund ankommt, den man einfach mal knuddeln kann. Hunde lassen Nähe sehr einfach zu. „In der Therapie darf ich niemanden umarmen. Mein Hund darf die körperliche Nähe suchen, was in vielen Situationen ungemein hilft“, erklärt sie.

Wer mit einem Hund aufwächst, habe bessere Chancen, Feingefühl zu entwickeln, sagt Schmal. Doch diese Möglichkeit hat auch eine B-Seite. „Es kann aber auch sein – und ich kenne solche Fälle – dass eine alleinstehende Person sich nur noch auf Tiere fokussiert und zu dem Schluss gelangt: Menschen sind böse, meine Hunde sind gut. Wenn man alleine im Wald lebt, ist das ja okay. Wenn derjenige aber ein Teil unserer Gesellschaft ist, finde ich das schwierig, weil er so die Verbindung zu anderen Menschen verlieren kann“, sagt Schmal.

Besonders gefährlich werde es, wenn Halter nicht mehr zwischen Mensch und Tier unterscheiden können. Ein Alarmzeichen: Hunde werden immer stärker vermenschlicht. Sie kriegen ein eigenes Häuschen im Garten gebaut, werden adrett frisiert, in Klamotten eingepackt und das Futter stammt, natürlich, von einer speziellen Metzgerei. Dabei warnen Experten vor einer allzu großen „Vermenschlichung“ von Hunden.

Schwierige Grenze: Wann wird Tierliebe pathologisch?

Für Schmal gibt es eine Regel, wann Menschen besonders aufpassen müssen: „Diejenigen, die alleine leben, die keine Bezugspersonen haben, sollten sich nicht nur auf ihren Hund fokussieren“, sagt sie. „Denn sonst nimmt der Hund automatisch eine viel zu zentrale Rolle ein.“ Die Psychologin spricht auch immer wieder mit Paaren, für die der Hund eher ein Ersatz für einen unerfüllten Kinderwunsch ist.

Grundsätzlich spreche nichts dagegen, dass ein Hund eine Art „Familienmitglied“ ist. „Auch ein emotionaler Bezug zu dem Tier ist durchaus nachvollziehbar und wünschenswert“, sagt Schmal. Aber irgendwann wird es zu viel. Eine fließende Grenze – wenngleich medizinisch klar definiert ist, wann die Liebe zu einem Tier pathologisch wird: „Wenn ich emotional abhängig davon bin, dass ein Hund ständig in meiner Nähe ist, liegt ein Problem vor“, sagt die Psychologin.

Bedürfnisse: Stimmen Sie mit ab.

Hundetrainer: „Viele Halter verstehen gar nicht, wie ihr Hund tickt“

Wie das in der Realität aussieht, weiß Tim Terzyk. Denn er beschäftigt sich hauptberuflich mit Hunden. Terzyk hat mit seiner Frau eine Hundeschule. Er wirkt erleichtert, endlich mal über dieses Thema sprechen zu können. Denn er will gleich mal etwas klarstellen: Viele Halter verstehen gar nicht, wie ihr Hund tickt. Wie viele das genau sind? „25 Prozent“, schätzt Terzyk. Tendenz: steigend. Dieses Viertel habe ein völlig falsches Bild von ihrem Hund. „Die Halter gehen nicht auf die Bedürfnisse ein. Im Mittelpunkt steht eher, den Hund als verlängerten Arm der eigenen Profilierung zu nutzen. Sie dürfen keine Mäuse fressen und sich nicht dreckig machen. Es sind aber Hunde, das ist völlig normal“, sagt Terzyk.

Terzyk vermisst vor allem eine klare Ansprache. „Wir denken ganz oft: Ihre Kinder haben unsere Kunden ja echt super erzogen. Warum klappt das bei den Hunden nicht? Sie dürfen jeden Blödsinn machen – ohne Konsequenzen“, sagt der Hundetrainer. „Hunde merken das sofort – und dann wird nach ihren Regeln gespielt.“ Immer öfter erlebt Terzyk deswegen aggressive Hunde beim Training. „Ich musste vor drei Jahren ins Krankenhaus, weil ein Schäferhund meinen Unterarm zerbissen hat“, erzählt er. „Dabei sind Hunde selten einfach so gefährlich. Ich muss allerdings klare Regeln aufstellen und die auch durchsetzen.“ Terzyks Befürchtung: Wenn sich Halter nicht stärker mit den Bedürfnissen und Grenzen des eigenen Hundes auseinandersetzen, wird die Aggressivität zunehmen.

Doch in einem Punkt sind sich alle einig: Ja, Hunde sind eine tolle Sache. Vielleicht kommt es doch nicht von ungefähr, dass es überwiegend positive Geschichten über das Verhältnis von Hunden und Menschen gibt.

Auch interessant