Perspektive eines Fluchttiers

Augensprache der Pferde: Wie sie die Welt sehen und was die Augen verraten

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Die Augen eines Pferdes sind nicht nur schön, sondern auch faszinierend. Je mehr wir über ihre Augen wissen, desto besser können wir die Tiere auch verstehen.

München – Pferde sehen die Welt nicht nur sprichwörtlich mit anderen Augen als Menschen. Tatsächlich unterscheidet sich ihr Blick auf die Dinge erheblich. Das ist unter anderem bedingt durch ihr Leben als Fluchttier. Denn für einen besseren Rundumblick gab ihnen die Natur eine seitliche Anordnung ihrer Augen. Eine evolutionsbedingte Anpassung, dank der sie in der freien Wildbahn überleben.

Augensprache der Pferde: Wie Pferde die Welt sehen und was uns ihre Augen sagen

Der seitliche Rundumblick ermöglicht es Pferden einen stets großen Radius im Blick zu haben. Der große Winkel ist vergleichbar mit einem Fish-Eye-Objektiv, das eine Sicht um je 180 Grad ermöglicht. Dadurch können Pferde vor allem gut nach unten sehen, um Gefahren am Boden schnell zu erkennen. Genauso gut können sie aber auch nach hinten sehen, ohne dabei den Kopf und Hals bewegen zu müssen. Lediglich hinten an der Schweifrübe und vorne an den Nüstern haben sie einen toten Winkel. Da sich das Sehfeld von uns Menschen überschneidet, ist uns das binokulare Sehen möglich. Pferden ist das dreidimensionale Sehen nur nach vorne und bei einem Winkel zwischen 60 und 90 Grad möglich. Das restliche Sichtfeld wird nur monokular, sprich von einem Auge erfasst. Deswegen müssen Pferde auch, um scharf zu sehen, ihren Kopf in die entsprechende Richtung drehen. Denn nur mit dem binokularen Sichtfeld auf maximal zehn Meter Entfernung, ist ihnen dies möglich. Alles weit entfernt liegende nehmen sie nur verschwommen wahr, aber können dennoch Bewegungen in der Ferne sehr gut erkennen.

Pferde nehmen die Welt aus einer ganz anderen Perspektive wahr als Menschen. (Symbolbild)

Augensprache der Pferde: Diese Farben sehen Pferde

Auch das Farbsehen ist bei Pferden anders. Denn sie haben weniger Zapfen, die dafür im Auge verantwortlich sind. Die Welt sehen sie deswegen deutlich weniger bunt als wir Menschen. Lediglich zwei der drei erkennbaren Wellenlängen im Lichtspektrum können sie sehen. Rot nehmen sie eher als bräunlich bis grünlich wahr, blau und grün hingegen wie wir. In der Nacht können Pferde erstaunlich gut sehen. Das liegt daran, dass sie mehr Stäbchen als Zäpfchen in der Netzhaut haben. Denn Stäbchen können zwar keine Farben wahrnehmen, sind dafür aber lichtempfindlicher und reagieren auf das Licht der Dämmerung. Die Umgewöhnung vom Sehen bei Helligkeit, das zapfenbasiert ist, auf das Sehen in Dunkelheit, das stäbchenbasiert ist, erfolgt beim Pferdeauge aber vergleichsweise langsam.

Augensprache der Pferde: Ein Sprachrohr für Emotionen und Gesundheitszustand

Die anatomischen Besonderheiten des Pferdeauges sind interessant, aber was wir aus ihnen erfahren können genauso. Denn Pferdebesitzer und auch Tierärzte können anhand der Augen sehr schnell erkennen, wie es dem Tier geht. Auch, wenn sich an Pferdeaugen weniger Gemütszustände als beim Menschen ablesen lassen. Denn im Gegensatz zum Menschen, bei dem sich mehr als sechs verschiedene Gemütszustände an den Augen erkennen lassen, sind es bei Pferden nur wenige Empfindungen. So zeigen offene, klare und lebhafte Augen, dass es dem Tier mit hoher Wahrscheinlichkeit gut geht. Sind die Augen jedoch stumpf und wirken nach innen gekehrt, ist irgendetwas nicht in Ordnung. Weit aufgerissene Augen und weniges blinzeln deuten auf Panik, Angst oder auch Stress hin. Aber auch an der Lidfalte lassen sich Emotionen wie Schmerz oder auch Stress ablesen.

Augensprache der Pferde: Mehr Wissen führt zu mehr Verständnis

Wie bei vielen anderen Fragen rund ums Pferd gilt auch hier: Immer das Pferd als Ganzes betrachten. Ein Blick ins Auge kann sich aber in jedem Fall auszahlen. Nur wie tief darf der eigentlich sein? Viele Reiter haben es bestimmt schon mal gehört, dass einem Pferd nicht direkt in die Augen geschaut werden soll, um es nicht zu verschrecken. Und tatsächlich klingt es plausibel, wenn man sich nochmal die Anordnung der Augen hervorruft. Fluchttiere haben seitliche Augen und Jagdtiere, wie beispielsweise der Tiger, haben vorn liegende Augen. Vergleicht man nun den Blick eines Tigers, mit dem eines Menschen sind durchaus Parallelen zu erkennen. Interessant ist auch, dass viele Pferde auf dem linken Auge schreckhafter sind als auf dem rechten. Womöglich liegt das daran, dass das linke Auge dominanter ist, weil das räumliche Sehen von der rechten Gehirnhälfte gesteuert wird, die für die linke Körperseite verantwortlich ist. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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