+
Auf der Weide begegnet man immer wieder Kühen. (Symbolbild)

Weidevieh hautnah

Alles rund ums Rind: Ernährung, Haltung und Lebensraum

Alle heutigen Rinderarten sind durch Züchtungen entstanden – auch die hübschen, gefleckten Milchkühe auf deutschen Weiden. Erfahren Sie alles, über die stattlichen Tiere.

München – Wer regelmäßig wandert, kennt den beruhigenden Anblick von friedlich grasendem Weidevieh. Kühe strahlen Gelassenheit aus – es gibt sogar Bauernhöfe, die Kuhkuscheln anbieten. Dieses soll auf Menschen entschleunigend und erdend wirken. In der Hauptsache sind Rinder jedoch wichtige Nutztiere, die uns Fleisch und Milch liefern oder als Lieferant für Leder dienen.

Rinder gehören zur Familie der Hornträger. Sowohl die männlichen Stiere als auch die weiblichen Kühe besitzen leicht geschwungene, große Hörner. Sie behalten diese ihr ganzes Leben lang – anders als beispielsweise Hirsche. Allerdings werden vielen Nutzrindern die Hörner gestutzt. Rinder sind außerdem Paarhufer: So heißen sie, weil ihre Hufe in zwei Hälften geteilt sind. Das verhindert, dass sie auf weichem Untergrund einsinken.

Sie sind in der Regel friedliche Herden- und Fluchttiere. Fühlen sie sich angegriffen, können sie mit ihren etwa 800 Kilogramm Gewicht aber durchaus gefährlich werden. Rinderfell ist unterschiedlich gefärbt: schwarz, weiß, braun, beige oder gescheckt. Sie haben einen ausgesprochen guten Geruchssinn und können besondere Leckereien wie Klee über acht Kilometer Entfernung riechen.

Alles rund ums Rind: Vom Auerochsen bis zum domestizierten Nutzrind

Die heutigen Rinder stammen vom Auerochsen ab, der seit 1627 jedoch ausgestorben ist. Der Auerochse wird auch Urrind genannt. Er erreichte eine Schulterhöhe von bis zu 180 Zentimetern. Im Vergleich: Das heutige Hausrind wird etwa 125 bis 145 Zentimeter hoch. Wissenschaftler vermuten, dass die Urforme des Hausrindes aus dem Nahen Osten oder Anatolien stammen – dort begann der Mensch vor etwa 9.000 Jahren damit, Rinder als Nutztiere zu züchten. Dafür wurden die Tiere ausgewählt, die am fügsamsten waren und am meisten Milch oder Fleisch lieferten. Dadurch veränderten sich nach und nach auch das Aussehen und das Wesen – das heutige Nutzrind hat kleinere Hörner, einen kleineren Kopf und kleinere Knochen. Bekannte Milchrassen sind Holsteiner und Friesen, als Fleischrassen sind Galloway und Charolais bekannt.

Die moderne Rinderhaltung ist übrigens nicht unproblematisch: Jedes der Tiere gibt als Stoffwechselnebenprodukt täglich dreihundert Liter Methangas an die Atmosphäre ab. Dies trägt in hohem Maß zum umweltschädlichen Treibhauseffekt bei. Deshalb lohnt sich die Überlegung, den eigenen Fleischkonsum zu reduzieren.

Auch wie wir Menschen mit Rindern umgehen ist sehr unterschiedlich: In Indien gilt das Tier als heilig, es wird verehrt und darf nicht verzehrt werden. In Spanien dagegen gibt es die blutige Tradition des Stierkampfes, die jedes Jahr für etwa 10.000 Stiere mit dem Tod endet.

Alles rund ums Rind: Kuh, Kalb, Stier und Co – wer ist wer in der Rinderfamilie?

  • Die Kuh: So nennt man weibliche Rinder, nachdem sie ihr erstes Kalb bekommen haben. Durchschnittlich ist die Kuh 27 Monate alt. Ab jetzt gibt sie Milch: Darf sie ihr Kalb auch säugen, ist sie auch eine Mutterkuh. Eine Kuh wiegt etwa 500 bis 800 Kilogramm und gibt bis zu 25 Liter Milch pro Tag.
  • Das Kalb: Die jungen Rinder mit den großen Augen und dem weichen Fell gelten bis zum 7. Monat als Kalb oder Kälbchen – das gilt sowohl für männliche als auch für weibliche Tiere. Danach werden sie zum Jungrind.
  • Die Färse: So heißt ein zuchtreifes weibliches Rind, das noch kein Junges bekommen hat. Nach dem Kalben wird sie zur Kuh.
  • Der Stier: Damit ist ein stattlicher Jungbulle gemeint – also ein geschlechtsreifes männliches Rind. Seine imposante Erscheinung mit bis zu 1200 Kilogramm lässt es erahnen: Hier ist Vorsicht geboten, denn Stiere können reizbar sein.
  • Der Ochse: Kastrierte Bullen nennt man Ochsen. Sie können keinen Nachwuchs mehr zeugen. Hintergrund für die Praxis: Sie dienten unseren Vorfahren in erster Linie als Arbeitskraft und sollten dafür ein friedlicheres Wesen bekommen.

Alles rund ums Rind: Wovon ernähren sich Rinder?

Das Rind frisst ausschließlich Pflanzen – am liebsten Gras, Getreide, Klee, Gemüse und Heu. In der Stallhaltung werden die Tiere aber auch oft mit Futtermais, Stroh und Kraftfutter gefüttert. Das Rind ist außerdem ein Wiederkäuer. Das heißt, es rupft das Futter zunächst ab und schluckt es unzerkaut. Später legt sich das Rind hin und würgt die Nahrung wieder hoch, um sie im Maul erneut zu zerkleinern. Um das Futter besser zu verdauen, haben Rinder vier Mägen: Pansen, Netzmagen, Blättermagen und Labmagen. Jeder hat seine besondere Aufgabe im Verdauungsprozess der Wiederkäuer. Ganze 20 Kilogramm Futter nehmen Rinder am Tag zu sich – fressen ist ein richtiger Fulltime-Job für sie. Das macht durstig: Ein Rind trinkt am Tag zusätzlich etwa 180 Liter.

Alles rund ums Rind: Haltung – Wie und wo leben Rinder?

Rinder leben heute auf der ganzen Welt – hauptsächlich als Nutztiere. Wild lebende Rinderrassen gibt es nur noch wenige. Dazu gehört etwa der Wisent, der früher in europäischen Wäldern zu Hause war. Nachdem diese Rasse fast ausgestorben war, wurde sie gezielt gezüchtet: Heute leben wieder etwa 100 dieser Tiere in Gehegen oder Schutzgebieten.

In Nordamerika war früher der Amerikanische Bison daheim. Das große Tier lebte in Herden in der Prärie und wurde durch Jagd beinahe ausgerottet. Am gefährlichsten ist der Afrikanische Büffel, vor ihm haben sogar Löwen Respekt. Er lebt südlich der Sahara.

Zurück zu den Nutztieren: Am wohlsten fühlen sie sich auf einer saftigen Weide inmitten ihrer Herde. Dieses Idyll dürfen aber nicht alle Rinder erleben: Oft leben sie ganzjährig im Stall. Kälber trennt man meist kurz nach der Geburt von ihren Müttern und verlegt sie in eine Einzelbox, wo sie von Menschen aufgezogen werden. Die eigentlich für das Kalb gedachte Milch wird weiterverarbeitet und an uns Menschen verkauft. Männliche Rinder sollen sich nicht viel bewegen, damit sie möglichst schnell Fett ansetzen. Denn sobald sie das sogenannte Schlachtgewicht erreicht haben, werden sie zu Fleisch verarbeitet.

Da Rinder Herdentiere sind, ist für sie der Kontakt zu Artgenossen wichtig. Werden sie allein gehalten, wachsen sie langsamer und sterben früher. Auch deshalb gibt es inzwischen Biobauernhöfe, die Kuh und Kalb – zumindest eine Zeit lang – gemeinsam aufziehen. Milch und Fleisch aus solchen Betrieben sind entsprechend teurer.

Alles rund ums Rind: Besonders imposant – Bison, Wasserbüffel und Co.

Eine Untergattung der Rinder sind die „eigentlichen Rinder“. Dazu gehören der Yak, der Gaur, der Banteng, der wahrscheinlich ausgestorbene Kouprey und der Bison (der amerikanische Bison und der Wisent). Im Gegensatz zu unseren Hausrindern sind diese Rassen fast alle vom Aussterben bedroht.

Was sie auszeichnet: Die Tiere sind groß und stämmig mit kräftigen Gliedmaßen und einem langen Schwanz. Sie werden bis zu 3 Metern lang, ihre Schulterhöhe kann bis zu 2 Metern betragen. Kein Wunder also, dass die stämmigen Tiere oft über 1000 Kilogramm wiegen. Sowohl die Körper als auch Hörner sind bei den Männchen größer als bei den Weibchen. Ihre Mähnen sind oft buschig. Der größte Vertreter der „eigentlichen Rinder“ ist der Gaur. Er lebt in den Bergwäldern Vorder- und Hinterindiens.

Den Amerikanischen Bison kennt man vor allem aus Wildwestfilmen. Einst gab es 60 Millionen Exemplare dieser majestätischen Tiere. Sie waren die Lebensgrundlage für die indigene Bevölkerung Nordamerikas. Europäische Einwanderer jagten sie rücksichtslos: Ihr Bestand sank im 19. Jahrhundert auf nur noch 1000 Tiere. Dank intensiver Schutzmaßnahmen ist ihr Bestand heute wieder stabiler – die Tiere leben hauptsächlich in Nationalparks.

Zu den sogenannten Wildrindern gehören die schottischen Hochlandrinder mit ihrer zotteligen Mähne. Sie kommen aus dem Schottischen Gebirge und sind rauhes Klima gewohnt – dichtes Fell schützt sie davor. Vor allem die Hörner erinnern noch sehr an die mächtigen Stirnwaffen des Auerochsen: dem Stammvater aller Hausrinderrassen. Wie auch beispielsweise das Argentinische Angusrind gilt ihr Steak als besonders lecker. Deshalb werden sie zur Fleischgewinnung gezüchtet – zunehmend auch auf deutschen Weiden.